Meldung vom

Kein Bock auf solche Gärtner

Die mit den Fossilen dealen

Im Dezember 2017 war an dieser Stelle zu lesen: Wie die kommende Bundesregierung auch aussehen wird, umweltpolitisch wird sie sich am Kohleausstieg messen lassen müssen. Und zwar an einem Ausstieg, der diesen Namen auch verdient und sich nicht so elend lange hinzieht wie bei der Atomkraft. Von wegen: Erst 2038 soll das letzte Kohlekraftwerk vom Netz gehen. Bis dahin werden weiter Milliarden Tonnen Treibhausgase in die Atmosphäre geblasen – als gäbe es keinen Klimawandel. Das Ziel, die Erderwärmung auf höchstens 1,5 °C zu begrenzen, wird so jedenfalls nicht erreicht. Eher wird die Temperatur weiter ansteigen, es sind ja noch 19 Jahre Zeit. Und selbst 19 Jahre scheinen einigen Politikern noch zu kurz zu sein. Der sog. Kohlekompromiss war kaum beschlossen, da meinte Anfang Februar 2019 Ralph Brinkhaus, Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, wenn die Energie-Versorgungssicherheit in Gefahr sei, „dann sollten wir uns im politischen Prozess auch die Freiheit nehmen, noch einmal eine Ehrenrunde zu drehen …“ Der Mann scheint in einem Parallel-Universum zu leben, oder was treibt ihn an: Ignoranz? Dummheit? Lobbyismus? Sein Stellvertreter Carsten Linnemann, Vorsitzender der CDU/CSU-Mittelstandsvereinigung, der gern das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) abschaffen würde, bläst ins gleiche Horn, ebenfalls von keinerlei Fachwissen getrübt: „Wir überfordern die Steuerzahler, helfen dem Klima nicht wirklich und laufen Gefahr, schon bald vom Ausland abhängig zu sein.“ Für Urheber derartigen Gedankenmülls hat der Schriftsteller Eckard Henscheid einst den Begriff „Blindlaberer“ geprägt.

 

Energie-Importe von Gazprom statt regionaler Wertschöpfung aus erneuerbaren Energien

Wenn es Linnemann (und der CDU/CSU) wirklich ernst wäre mit der Unabhängigkeit in Sachen Energie, hätte die Union gegen die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 stimmen müssen. Denn damit macht sich die Bundesrepublik auf Jahrzehnte abhängig vom fossilen Brennstoff Erdgas, zudem vom „lupenreinen Demokraten“ Putin – anstatt konsequent auf den Ausbau der erneuerbaren Energien samt Speichertechnik zu setzen. Gazprom-Schröder wird es freuen. Bei Carsten Linnemann war allerdings schon früh klar, woher der Wind weht; im August 2009 war auf seiner Internet-Seite zu lesen: „Aber eine Störung in einem Kraftwerk zu missbrauchen, um ideologisch gegen Kernenergie zu wettern, ist nicht redlich“. Und da sage noch einer, bei den Rechten habe man keinen Sinn für Satire.

Wenn mein Hausarzt mir sagte, dass ich Rauchen und Trinken aufgeben und dringend etwas für meine Gesundheit tun müsse, weil ich andernfalls nicht mehr lange leben würde, wäre ich doch verrückt, einen Genesungsplan über 19 Jahre aufzustellen, statt Sofortmaßnahmen zu ergreifen.

 

Hermann Sievers